Niemand weiß etwas Genaues – nur das deutsche Fernsehen weiß fast alles

Nach dem Terroranschlag auf die Crocus City Hall im Moskauer Vorort Krasnogarsk. Bild: Mosreg.ru / CC BY 4.0 Deed

Terroranschlag bei Moskau: Haltlose Berichterstattung belegt, wie das ZDF vom Vermittler zum Akteur wird. Zum Umgang mit Täter-Theorien im ÖRR.

Wie live in a twilight world.

Christopher Nolan, "Tenet"

Unsere Welt ist eine medial vermittelte – was wir über sie wissen oder auch nicht wissen, das wissen wir aus Medien. Und so gibt es an diesem Wochenende wieder einmal ein Déjà-vu, die Erinnerung daran, wie Medien Wirklichkeit vorweggenommen haben, wie die Wirklichkeit Medienszenen nachahmt.

2020, im kurzen Sommer der Pandemie, hatte Christopher Nolans Film "Tenet" Premiere, ein Film über die Verflüssigung der chronologischen Zeit.

Dieser beginnt mit einer Szene in einem Konzertsaal in einem russisch sprechenden Land, in den kurz vor Beginn des Konzerts mit Maschinenpistolen Bewaffnete eindringen, die kurz darauf wiederum von Sicherheitsleuten "ausgeschaltet" werden.

Man wüsste gern, ob die Mörder von Krasnogarsk diesen Film gesehen haben.

Offene Lage, geschlossenes Weltbild

Auch am dritten Tag nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall im Moskauer Vorort Krasnogarsk sind das Geschehen, die Folgen und vor allem die Urheberschaft weitgehend unklar. Starke Indizien, wie etwa Bekennerschreiben, verweisen auf die Terrororganisation "Islamischen Staat" (ISIS). Russland wirft ukrainischen Kräften zumindest eine Tatbeteiligung vor. Aber noch fehlen schlüssige Beweise.

Während die meisten Medien in aller Welt diese offene Lage auch als solche kommunizieren, möchte das deutsche Fernsehen seinen Zuschauern offenbar so viel Unsicherheit nicht zumuten. Stattdessen ergeht man sich in voreiligen Täter-Theorien.

Beispielhaft zeigt sich an diesem Fall, wie hier ein Medium, das aufklären, sich an die Fakten halten und kritisch nachprüfen sollte, zum politischen Akteur wird. Ein "close reading" der Moderation der Hauptnachrichtensendungen des ersten und zweiten öffentlich-rechtlichen Programms macht das deutlich.

Fragwürdiger Umgang mit der Faktenlage

Beginnen wir mit dem ZDF.

Im heute journal vom 22. März (alle im Folgenden zitierten Sendungen sind in den jeweiligen Mediatheken bis auf Weiteres abrufbar) kommentiert der Redakteur im Studio, Christian Sievers, gerade drei Stunden nach dem Attentat:

"Wie zu befürchten war: Es gibt bereits jetzt eine ganze Reihe von Verdächtigungen, wer hinter der Attacke stehen könnte."

Wieso war das eigentlich zu befürchten?

Normalerweise fragen Nachrichtensendungen sehr früh nach möglichen Tätern. Aber anstelle neutral von "Vermutungen" zu sprechen, verschiebt Sievers die Sprache sachte gleich hin zu "Verdächtigungen".

Einen Tag später, am 23. März, beginnt Sievers das erste heute journal, das etwas analytischer Bilanz ziehen könnte, noch vor der Vermeldung irgendwelcher Fakten gleich mit einer Feststellung:

"Schon am Tag nach dem Attentat drängt sich die unbequeme Vorahnung auf, dass wir möglicherweise nie wirklich wissen werden, wer dahintersteckt."

Problematisch in der Formulierung und fragwürdig in der Sache: Wenn Sievers den Begriff "Vorahnung" verwendet, benennt er damit subtil das Folgende als Faktum: Eine Vermutung ahnt man nicht vor, sowenig wie die Möglichkeit oder Theorie eines Geschehens.

Sehr fragwürdig ist auch der Umgang mit der Faktenlage: Woher weiß das ZDF gerade mal 24 Stunden nach dem Anschlag, dass die Täter nie gefunden sein werden?

Zur Erinnerung: Moderationen sind nicht spontan gesprochen, sondern vorab geschriebene, redaktionell abgenommene und vom Teleprompter abgelesene Texte. Sie sind Sievers also nicht passiert, sondern Absicht.

Ganz gleich, ob Christian Sievers hier – was wahrscheinlich ist – ein Gefangener seiner eigenen Vorurteile und politischen Ansichten ist, oder – eher unwahrscheinlich – redaktionellen Weisungen gehorcht.

Raunen und Subjektivismus

In diesem Stil geht es weiter. Sievers setzt seine Eingangsmoderation fort:

"Die Fragen nach Tätern, Auftraggebern und Motiven sind ebenso zahlreich, wie die Fährten und Verdächtigungen, die jetzt ins Spiel gebracht werden."

Aber wer bringt sie eigentlich ins Spiel? Der Moderator raunt, statt das, was er vermutlich eigentlich denkt – dass Putins Propagandamaschine dem westlichen Publikum haltlose Märchen ins Hirn pflanzen will – wenigstens klar zu benennen.

Nach einem Bericht, in dem genau die zwei Tat-Theorien – einerseits: Die Isis reklamiere den Terrorakt für sich, andererseits: Präsident Putin suggeriere, die Spur führe in die Ukraine (Beweise für eine Verbindung zur Ukraine legt der Kreml bislang nicht vor) – präsentiert wurden, fragt Christian Sievers dann den Russland-Korrespondenten Armin Coerper:

"Ist denn tatsächlich davon auszugehen, dass nie hundertprozentig klar wird, wer für einen der schwersten Terroranschläge in der russischen Geschichte verantwortlich ist?"

Niemand außer Sievers selbst hatte das bis dahin behauptet.

Antwort Armin Coerper: "Genau davon würde ich ausgehen."

Und weiter:

"Für mich ist das wirklich Bedenkliche daran, dass das für die Fortschreibung dieser Erzählung überhaupt keine Rolle mehr zu spielen scheint. Das wirkt extrem gut vorbereitet."

Was genau? Die Sätze ergeben für sich nur halben Sinn, man ahnt eher, was gesagt werden soll.

Oder kann nicht wahr sein, was nicht wahr sein darf?

Auch dass die Täter in so kurzer Zeit ausgerechnet nah der ukrainischen Grenze aufgegriffen wurden ... danach war in dieser Geschichte für eine wirkliche Suche nach der Wahrheit überhaupt kein Platz mehr.

Armin Coerper

Was möchte der Russland-Korrespondent mit derartigen subjektivistischen Besinnungsphrasen vermitteln?

Klar: Dass an der "Ukraine-Theorie" nichts dran ist. Damit mag er recht haben. Aber auch er hat nicht mehr Belege als umgekehrt der Kreml.

Oder kann nicht wahr sein, was nicht wahr sein darf?

Übrigens: Zu welcher Grenze sollten fliehende Terroristen von Moskau aus eigentlich mit dem Auto sonst noch fliehen? Selbst wenn sie es bis in die Ukraine geschafft hätten, wäre das kein Beweis für eine Tatbeteiligung Kiews gewesen.

Statt solcher logischen Überlegungen wagt der ZDF-Korrespondent eine Täter-Opfer-Umdrehung:

"Heute Abend muss man wohl sagen, dass der Kreml längst begonnen hat, den Terror als Taktik zu nutzen."

Warum redet Armin Coerper so, als ob Putin der Täter dieses Anschlags wäre? Es wird nahegelegt, die russische Führung habe selbst schuld am Moskauer Anschlag.

Das deckt sich mit dem CDU-Sicherheitsexperten Roderich Kiesewetter, der auch eine mögliche Urheberschaft von Russland selbst ins Spiel brachte:

"Ausgeschlossen werden kann zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht, dass es sich um eine False-Flag-Operation Russlands selbst handelt, auch wenn ein islamistischer Hintergrund durchaus wahrscheinlich erscheint, zumal sich der IS dazu bekannte", sagte er der Bild am Sonntag.

Zuende gedacht ist das alles nichts anderes als eine Verschwörungstheorie in Reinform.

Mehr Abgewogenheit und Fairness bei der ARD

Erkennbar ist in dieser Form kommentierender "Berichterstattung" über Russland, dass sich die Tendenz, schon seit Jahren nur sehr oberflächlich zu berichten und vor allem die Bestätigung eigener Vorurteile zu suchen, noch verstärkt.

Erkennbar ist in solchen Äußerungen auch eine Selbsttäuschung westlicher Beobachter, die auf Dauer fatale Folgen haben könnte.

Nun ein Seitenblick zur ARD, die im Vergleich mit der Konkurrenz weitaus besser dasteht. Viel weniger mit Meinungen und Vorurteilen belastet, konzentriert man sich in den tagesthemen auf Fakten und Informationen.

"Das erinnert an Paris 2015 und an Moskau 2002", womit Korrespondentin Ina Ruck das Attentat der Tschetschenen meint. Sie spricht auch früh von den Terrorwarnungen durch internationale Nachrichtendienste.

Und sie gibt ihrer persönlichen Verwunderung darüber Ausdruck, dass trotz der starken Sicherheitsmaßnahmen in Moskau mehrere Schwerbewaffnete überhaupt relativ ungehindert in die Konzerthalle eindringen konnten.

Auch die Schalte nach Washington hatte das ZDF nur eine halbe Stunde früher nicht, ebenso wenig die Information, dass es in Washington bereits 30 Minuten nach dem Anschlag eine Pressekonferenz gab, in der, ohne dass danach überhaupt jemand gefragt hatte, die US-Regierung eine Beteiligung der Ukraine bestritt.

So können die tagesthemen schon am ersten Abend einen Punktsieg verbuchen.

Einen Tag später moderierte auch Jessy Wellmer schlüssig und atmosphärisch, ohne einseitige Untertöne, und kommentiert abgewogen nüchtern:

Zu dem Anschlag bekannt hat sich eine Splittergruppe der Terrororganisation "Islamischer Staat". Russlands Präsident Putin sieht allerdings auch Verbindungen zur Ukraine.

Jessy Wellmer

So kann man es sagen.

Ina Ruck betont auch, dass Präsident Putin selbst die Ukraine keineswegs direkt, sondern nur "sehr indirekt" beschuldigt. "Das machen allerdings seine Propagandisten", die auch von US-amerikanischen Drahtziehern sprechen.